12.-15. Dezember 2019

Um diese Zeit vor einem Jahr saß ich donnerstags in meinem Brustzentrum. An der Hand hielt mich meine Tante. Wir warteten auf meine Onkologin - sie hatte nun alle Ergebnisse meiner Untersuchungen der vergangen Tage & Wochen. Da war die Knochenszintigraphie, das CT von Kopf, Lunge und meinen Organen und das Ergebnis meiner Herzuntersuchung.

 

Nun hatte ich bald Klarheit.

 

Darüber, ob ich frei bin von Metastasen. Frei von einem anderen Tumor.

 

Denn wenn der Primärtumor tatsächlich irgendwo anders in meinem Körper sein würde, könnte ich nicht im Brustzentrum bleiben. Dann müsste ich in die Charite und es würde alles wieder von vorne losgehen.

 

Wir saßen also im Wartezimmer und hofften auf das Beste. Und sagten uns immer wieder, dass unser Gefühl sagt, dass ich sonst gesund bin. Dass da nur der Tumor in meiner Brust ist. Es musste so sein. Es musste einfach.

 

...


Endlich kam meine Onkologin ins Zimmer hinein, setze sich, schaute in ihren PC und erklärte mir noch einmal, dass ich einen sehr seltenen, höchst aggressiven und schnell wachsenden Tumor habe. Sie hatte wohl vergessen, dass ich das alles doch schon weiß. "Ja ja", dachte ich, "das weiß ich doch. Und die anderen Befunde? Sprich schneller!" hetzte ich sie innerlich.

 

„Die Befunde sind alle unauffällig - keine Metastasen, kein anderer Tumor. Sie sind ansonsten völlig gesund.“

 

Das ist der aller schönste & bedeutendste Satz, der mir je gesagt wurde. Und da liefen sie auch schon, unsere Tränen. Diese Erleichterung, die wir spürten, war unendlich groß. Dieser riesengroße Brocken, der vom Herzen fiel. Dem ich Lebewohl sagen konnte. Oh es war so schön, meine Tante in den Armen zu halten. Mit der Gewissheit, dass wir das gemeinsam wuppen würden. Egon könne sich warm anziehen. Der ist zwar gut im Verkuppeln, im Wachrütteln und hat auch sonst so einiges Positives gebracht, aber dennoch. Er soll noch in Ruhe seine Tasse Tee austrinken und dann aber Tschüss, ab dafür - gute Reise!

 

Bevor die Chemotherapie beginnen konnte, musste der Tumor noch markiert werden. Meine Güte, schon wieder so eine lange Nadel in meiner Brust. Meine Onkologin hatte Glück, denn ich wusste davon nichts und konnte mich also nicht vorher schon verrückt machen. Es ging alles ziemlich schnell. Denn sie fackelte nicht lange rum. Sie erklärte mir kurz, dass das ein ganz arg winziges Plättchen sei, damit die Stelle, an welcher der Tumor jetzt ist, später noch zu sehen ist. Schließlich soll er ja durch die Chemo kleiner werden bzw. ganz weg schrumpfen. Also zack, Brust frei machen und mir dann sagen „Nein nein, das betäuben wir nicht. Die Betäubung tut ja bald mehr weh als die Markierung selbst.“ Also gut. Ich hätte die ganzen Spritzen tatsächlich einmal zählen sollen. Irgendwann habe ich aufgehört mich über Nadeln in meinem Körper verrückt zu machen. Es bringt mir ja doch nichts als nasse Hände. Meine Tante hielt meine Hand und dann war diese ellenlange Nadel auch schon in meiner Brust. Uhhh, ein unangenehmes Gefühl.

 

Aber ich denke dann immer an meinen Papa, der stets zu mir sagt: „Tochter, die Zeit arbeitet für Dich.“ Übersetzt heisst das: je länger Du in dieser Situation bist, desto weniger musst Du noch in ihr verweilen. Klingt logisch, oder?

 

Als alles überstanden war, tranken wir erst einmal im Café nebenan einen Tee. "Auf Egon!" Ich rief freudestrahlend meinen Papa an und schickte meinen Herzensmenschen eine Nachricht, dass es „nur“ Brustkrebs war. Natürlich bin ich mir bewusst darüber, dass Brustkrebs Krebs ist. Aber es hätte mit Metastasen oder einem anderen Tumor noch so viel schlimmer kommen können. Dafür, dass es nun definitiv nicht so war, war ich unendlich dankbar.

 

Meine Tante & ich überlegten, was wir nun heute schönes machen würden. Ich durfte es mir aussuchen und natürlich ging es in den Berliner Tierpark. Ich liebe es dort sehr, weil der Park so weitläufig ist und man in ihm wunderbare grüne Wege gehen kann. Und es gibt dort einen Streichelzoo. Mir war so sehr nach Ziegen und Schafen kraulen. Vollgepackt mit meinem dicken fetten Ordner, in dem alle Unterlagen gesammelt sind, sind wir also durch den Park geschlendert. Der Ordner war bei jeder Untersuchung dabei - zu Beginn meiner Diagnose hatte ich sehr wohlwollend gehofft, mit nur einer Mappe zurecht zu kommen - sie sollte doch bitte genügen. Aber alle, die ein größeres Ärztepäckchen haben, wissen, wovon ich rede. Es wurde also ein Ordner, in dem nun zig Befunde, Dokumente, Arztbriefe, Krankenkassenschreiben und alles mögliche abgeheftet ist. Aber auf meinem Ordner ist ein Eichhörnchen. Das macht es gleich sehr viel erträglicher.

 


Mein Nachbar R. war zu der Zeit in München & somit übernahm meine Tante das Spritzen. Sie machte sich aber auch wunderbar darin. Sie ist sowieso eine so mutige & kraftvolle Frau. Ein großes Vorbild für mich. Sie ist eben die Schwester meiner Mama. Zwei Frauen, die mich inspirieren. Und ich liebe beide dafür, dass sie so spontan und auf zack sind. Und weil das so ist, erzählte ich meiner Tante von meinem Sofawunsch. Meine alte Couch hatte ich einige Wochen zuvor verkauft, brauchte nun aber eines, damit ich nicht den ganzen Tag im Bett liegen muss oder es Freundinnen auch bei mir bequem haben. Als einige Zeit vorher mein Papa zu Besuch war, hatte ich mir eines ausgeguckt. Ein Glück liefert der Schwede nach Hause und trägt das ganze auch die 90 Treppenstufen hoch in den 4. Stock Altbau. Also haben wir den himbeerfarbenen Sofatraum am Donnerstagabend bestellt und am Freitagmittag wurde er geliefert. Aufgebaut haben wir es dann am Nachmittag nach meinem Arzttermin zusammen. Ich glaube, meine Tante hat sich wirklich sehr gefreut. Für mich und auch für sich selbst, damit sie nicht länger auf der kleinen und sehr rückenunfreundlichen Besuchermatratze schlafen muss. Ich liebe dieses Sofa jetzt noch. Mit ihm verbinde ich so viele schöne & tiefgehende Augenblicke.

 

Am Sonntag traf ich mich dann also mit diesem einen Mann, den ich losgelassen hatte. Mir war es so wichtig, ihm das zu sagen. Denn ich habe es schon zu oft erlebt, dass es mir nicht möglich war, diese Worte persönlich loszuwerden. Diese Erfahrung holte ich also jetzt nach. Da saß ich also, in einem nichtssagenden Berliner Touristen-Café und wartete auf ihn. Er kam hinein, ich blickte in an und ich spürte nichts. Kein Herzklopfen, kein Aufgeregtsein, keine große Freude, keine Trauer, einfach nichts. Pure freundliche Neutralität. Er sah für mich völlig fremd und verändert aus. Ich fragte mich innerlich, was genau ich an ihm so attraktiv fand. Natürlich wusste ich, was es innerlich war, aber auch äußerlich war rein gar nichts mehr davon vorhanden. Was ein Segen. Was eine Erlösung. Es war ein gutes Gespräch. Ein sehr offenes, ehrliches und aufrichtiges miteinander Sprechen. Wir sind gut auseinander gegangen, haben uns alles Liebe gewünscht und das war es. Ende dieser Geschichte.

 

So sehr befreiend, wenn man endlich loslässt!

 

Mister Black, mein Nachbar R., erzählte ich am Abend ganz froh von diesem Treffen. Denn er wollte mir weiter Spritzen geben - er sei ein Gewohnheitstier und musste natürlich weiter machen, komme was wolle. Dass ich unendlich dankbar dafür war, ist schon untertrieben. Aber er war auch dankbar, schrieb er mir. Für die vielen Tees (ob das wirklich so war, verrät er mir nicht) und unsere schönen Gespräche. Er sagte mir jedesmal, ich könne ihn ruhig rausschmeißen, aber das wollte ich ja gar nicht. Deshalb blieb er immer da, bis spät abends und Immer länger. Und das anscheinend sehr gerne.

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