16.-20. Dezember 2019

Sport! Den sollte ich eigentlich wie wild machen, sagte meine Onkologin. Ich habe ihren Appell immer noch in meinen Ohren: "Frau Huck, machen Sie so viel Sport, wie Sie können! Dann verkraften Sie die Chemo besser!"

 

Und was machte ich stattdessen? Ich watschelte mittlerweile gefühlt wie eine schwangere Ente durch die Gegend. Denn ich hatte mich dafür entschieden, mir Eizellen entnehmen & einfrieren zu lassen. Denn ich wünsche mir doch so sehr und unendlich doll Kinder. Nur deswegen musste ich mir ja so viele Spritzen geben. DAs waren Hormonspritzen, die die Bildung von Eizellen beschleunigen. Denn ich hatte zum einen keine Zeit, bis auf natürliche Weise 3 oder 4 Eizellen heranwuchsen. Zum anderen brauchte ich mehr wie "nur" 3 oder 4 Eizellen. Denn für einen Versuch einer künstlichen Befruchtung benötigt man mindestens 6 Eizellen - je mehr, desto besser.

 

Da ging mein Kinderwunsch vor, aber auch ohne Sport habe ich die Chemotherapie wirklich gut überstanden. Ich glaube, Sport ist nur ein Faktor von so vielen, die Dein Wohlbefinden während einer Chemotherapie beeinflussen.

 

Die Tage vergingen wie im Fluge und die Abende mit meinem Nachbarn R. wurden immer schöner. Mich faszinierte das vollkommen, dass es so herzlich & warm zwischen uns war. Ein klein wenig nervös oder aufgeregt machte mich das auch. Denn natürlich fing ich an, mir Gedanken zu machen, ob das nun jetzt einfach ein lieber Nachbar ist, der nichts besseres zu tun hat, als mir täglich Spritzen zu geben und die Abende mit mir zu verbringen oder ob da irgendetwas in der Luft liegt.

 

...


Und dann, jedesmal, holte ich mich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen „Mensch Verena, krieg´ Dich wieder ein und denke nicht schon wieder an Beziehung oder ans Verlieben. Er ist immerhin frisch getrennt und Du hast gerade ganz andere Probleme.“

 

Ich wollte für uns beide nicht, dass das mit uns irgendein Trostpflaster oder Ablenkungsdings werden würde. Es brachte mich auf jeden Fall sehr durcheinander. Und irgendwie auch nicht. Er machte immer mal wieder klitzekleine Anspielungen, aber richtig verstehen konnte ich das alles nicht. Und das alles laut meinen Freundinnen per Sprachnachricht erzählen konnte ich auch nicht, denn er wohnte ja direkt nebenan. Die Wände sind dünn. Also flüsterte ich in meinen Sprachnachrichten und erzählte leise weiter. Das machte es auf jeden Fall lustiger.

 

Am Ende kam ich immer wieder zu dem Gedanken: „ach, mach´ dich nicht verrückt. Es kommt eh wie es kommt. Ich nehme einfach alles an und bin dankbar. Der Rest wird sich fügen. So auch das.“

 

Die tägliche Spritze am Morgen klappte mittlerweile ohne Murren und ganz wunderbar. Und das Schöne (Hallo Ironie!) war, dass noch jede Menge Thrombose-Spritzen hinzukommen würden. Wir überwunden eben gemeinsam unsere Angst vor Spritzen. Eine prima Bewältigungstherapie. Kann ich jedem nur ans Herz legen! Meine tägliche Abendbeschäftigung waren die Spritzen & Zeit mit R.. Am 19.12.2019 hatte ich die Port-OP und die Eizellenentnahme (Kryokonservierung) - beide am gleichen Tag. Direkt hintereinander. Mein Nachbar würde mich begleiten. Ich packte also meine Tasche mit Kuschelsocken, bequemer Kleidung, Verena-hat-dich-lieb-Broten für uns beide und Geld fürs Taxi. Ich versuchte, nicht allzu nervös zu sein und dachte immerzu an Pipi Langstrumpf. Das würden wir auch noch wuppen, ganz federleicht. Ich atmete immer wieder tief ein und aus.

 

Am nächsten Tag beim Chirurgen angekommen, wurde ich ein Zimmer gebracht, in dem mehrere Liegen standen, abgetrennt durch grüne Vorhänge. Ich bekam mein Abteil zugewiesen und musste mich ausziehen. Bis aufs Höschen und die Socken. Dann ging ich rüber ins Zimmer nebenan - das war der OP. Ich kam mir vor wie bei Grey’s Anatomy - ich fand es super, das alles mal zu sehen. Wobei dieser OP recht unspektakulär war. Ein steriler, leerer Raum mit hellblauen Fliesen an den Wänden. Ich hab mich also auf die Liege gelegt, bekam ein Kissen für den Nacken und einen großen Würfel, auf den ich meine Beine legen musste. Das war auch besser für meinen späteren Kreislauf. Grüne Decke drüber. Noch eine dicke Kuscheldecke. Fertig. Aber nicht über die Füße, sonst hätte ich noch einen Hitzekoller bekommen. Zu warm mag ich nämlich gar nicht. 

 

Ich lag also da. Zwar aufgeregt, aber doch tief entspannt. Ich hab auch nicht geweint. Denn das passiert eigentlich immer, wenn ich zu aufgeregt bin. Ich durfte mir Musik aussuchen, die wir während der OP hören würden. Natürlich hatte ich eine Disney-Playlist vorbereitet. Auch zur Begeisterung meines Chirurgen und der Schwester - die fanden Disney nämlich auch ganz toll. Also haben wir die Musik aufgedreht und lauschten „...probiers mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit….“ Er legte mit den Betäubungsspritzen los, denn während der OP war ich wach. Die waren doch echt unangenehm, weitere Details erspare ich Dir. Ich hab keinen Schmerz mehr gespürt, nur noch Ruckeln, Ziehen und Druck und dann ging’s auch schon los.

 

Mein Sichtfeld war abgedeckt, ich konnte nur nach links schauen in Richtung der Schwester, die schön mein feuchtes Händchen gehalten hat. In der rechten Hand unter der Decke hatte ich mein Zebra-Schnuffel-Tuch. Ich war total fasziniert. Ich, wach, da der Arzt mit seinem grünen Kittel, Häubchen auf dem Kopf und Skalpell in der Hand. Krasser Scheiß. Die OP dauerte nur 20 Minuten. Doch zum Ende hin wurde ich dann doch viel zu nervös. Ich versuchte, mich zu beruhigen und einfach zu atmen. Der Arzt erklärte mir, dass das völlig normal sei. Denn der Kopf realisiert zwar schnell, was da gerade passiert. Aber der Körper realisiert das erst jetzt. Und kann leider nicht wegrennen. Also zitterte und bibberte ich wie wild vor mich hin. Wie gut, dass er gleich fertig sein würde. 

 

Wieder zurückgetaumelt zu meinem Abteil, fragte die Schwester mich, ob sie meine Begleitung holen solle. Ich sagte ihr „sehr gerne, aber nur, wenn er möchte.“ Kurz darauf eilte sie zurück ins Zimmer, R. hinter ihr her. „Ich musste gar nichts sagen“, sagte sie, „er ist direkt mitgekommen.“ Wie süß, dachte ich, bibberte und schmunzelte in mich hinein.

 

Er hielt meine Hand. So sehr liebevoll. So hat noch nie ein Mann meine Hand gehalten. Ich konnte nichts sagen. Nur bibbern. Ich trank eine Tasse Tee in winzigen Schlückchen. Und lag einfach da. Nur mit meinem Höschen und einer Decke drüber. Aber das war mir alles scheißegal. Ich habe mich so wohlgefühlt in seiner Nähe und es fühlte sich an, als wäre er schon immer an meiner Seite. Nach einer knappen Stunde ging es mir besser. Aber ich war ja noch nicht am Ende angelangt. Die Eizellenentnahme stand nun bevor. Ich zog mich also an und es ging mit dem Taxi weiter zur Kinderwunschpraxis. Meine Güte, wieso fahren Taxifahrer immer so als würden sie Autoscooter fahren?!?

 

Nach ein wenig frische Luft vor der Praxis und ein paar mal tief Luft holen gingen wir also hoch und durften ein Zimmer „beziehen“. Nach und nach kamen die Ärztinnen, der Anästhesist und die Schwestern nochmal zu uns rein, hat uns die Abläufe erklärt und ist mit uns alles durchgegangen. Alle waren unglaublich herzlich. Beim Anästhesisten sind mir dann doch vor Aufregung die Tränchen gekullert, denn vor der Narkose hatte ich Angst. Nicht vor der Narkose direkt, sondern vor dem Kontrollverlust. Vor dem, wie es sich anfühlen würde. R. nahm mich in den Arm und immer wieder betonten sie, dass "mein Mann" ja dann direkt wieder bei mir ist und ich dann die Beine auf den Schoss meines Mannes legen soll, damit der Kreislauf wieder in Schwung kommt. Obwohl ich es vor diesem Termin angekündigt hatte, dass mein Nachbar mich begleiten würde, nicht mein Freund, ließen wir es einfach so stehen uns grinsten vor uns hin.

 

Auch hier musste ich wieder alles ausziehen. Diesmal durfte ich mein T-Shirt und Socken anlassen. Beim Pulli hat mir R. geholfen, denn durch die Port-OP konnte ich meinen Arm nicht bewegen. Den Rest hab ich alleine geschafft, da ging er kurz raus. Als er wieder rein kam stand ich da mit Socken, einem Handtuch untenrum um, T-Shirt und einer OP-Haube auf dem Kopf und ich dachte mir nur so „Oh mein Gott. Er kriegt wirklich das volle Programm und sieht mich echt in allen Lebenslagen. Aber wir haben viel drüber gelacht. Und dann ging es los. Also nochmal feste drücken und knuddeln und ich lief mit den Schwestern in den OP. Der sah schon etwas mehr wie ein OP aus. Viel mehr Geräte und der berühmt-berüchtigte Frauenarztstuhl. Wie jede Frau - so glaube ich -setzte auch ich mich viel zu weit hinten drauf. Den Satz „rutschen Sie bitte noch etwas weiter vor… noch ein bißchen, noch etwas…“ und wenn man denkt, man plumpst gleich runter, kommt dann „ja jetzt sitzen Sie richtig. Danke.“ Ok.

 

Alle im Raum waren so herzlich und einfühlsam, sodass ich mich dennoch wohl fühlen konnte. Meine Beine wurden festgeschnürt, damit ich nicht vom Stuhl falle, während ich in Narkose bin. Auch so der rechte Arm. Der linke Arm bekam die Kanüle gelegt. Ich sagte in die Runde, dass ich ja so viel Glück mit Ärzten hätte. Dass sie alle immer so lieb und herzlich sind. Der Anästhesist sagte mir daraufhin: „Vielleicht liegt es aber auch an Ihnen, weil sie so herzlich sind.“ Hach, wie herzig. Dann floss schon das Wundermittel in mich hinein und alles wurde warm und schwer. Ich hab mich nicht gewehrt und mir gedacht, „lass dich einfach drauf ein“. Der Anästhesist fragte mich, wie der Junge bei Pipi Langstrumpf hieße. „Tommy“, antwortete ich. Kleiner Onkel wusste ich auch noch und beim Äffchen war ich schon fast zu sehr im Schlummer. Der hieß dann in meiner Schlummerwelt Onkel Nielson, statt Herr Nielson. Und dann war ich weg im tiefen Schlaf.

 

Wie ich zurück ins Zimmer gekommen bin, weiß ich auch nicht mehr, aber ich bin wohl selbst gelaufen. Ich hatte nur eine Watteunterlage umgewickelt, drunter nackig und musste mich auf den Stuhl setzen, meine Beine auf R´s Schoss. Ich hing noch am Tropf und R. meinte später, dass er noch nie so kleine Pupillen gesehen hatte. Er hat meine Hand gehalten und meine Beine gestreichelt und ich glaube, er hat ein bißchen seinen Fragenkatalog ausgepackt. Ich war ja noch völlig schlummrig und wie benebelt. Ich glaube, ich habe ihm das erste mal gesagt, dass ich ihn lieb hab. Und er sagte mir später, dass ich noch gesagt hätte, dass ich glaube, dass wir irgendwann in ein paar Jahren wieder zusammen hier sitzen werden… Und ich habe gelallt. Das war sicher ein wunderbar lustiger Anblick! Aber der Schlaf hat sich gelohnt und war ja so nötig gewesen. Ich musste nur noch mal Pipi machen und schauen, ob das geht und ob Blutungen sind, aber es war alles ok. Die Ärztinnen & auch der Anästhesist kamen nochmal ins Zimmer, berichteten und verabschiedeten sich.

 

Mir wurden insgesamt 14 Eizellen entnommen und 12 davon konnten eingefroren werden. Ein super Ergebnis. Ich hatte 13 visualisiert. Und jetzt hatte ich, sollte es soweit kommen, zwei Versuche für eine künstliche Befruchtung. 

 

Zuhause angekommen durfte ich auf die Couch und R. setzte sich an meinen Schreibtisch und arbeitete von dort aus. Immer wieder schaute er nach mir, brachte mir Tee und kümmerte sich. Als meine Herzensfreundin ihn später ablöste und über Nacht bei mir blieb, erzählte ich ihr, ich sei auf dem besten Wege, mich in diesen Mann zu verlieben. Und sie antwortete „So wie er dich angesehen hat, er auch.“

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