Heute vor einem Jahr - mein Leben mit Brustkrebs


26./27. November 2019

Heute vor einem Jahr war der Tag aller Tage. Das Ergebnis meiner Stanzbiopsie war endlich da. Da werde ich selbst heute noch nervös, wenn ich mich hin diesen Tag hineinfühle. An Anspannung war es nicht zu übertreffen - ich war ein reines Nervenbündel. Aber wer wäre das nicht in so einer Situation.

 

Der Befund sollte eigentlich an meine Frauenärztin gehen. Die, die schon in der vorherigen Woche so unglaublich blöd war. Und auch heute sollte es nicht besser werden. Deren Praxis öffnete jedoch erst um 13 Uhr. Ich hatte jedoch ab 13 Uhr niemanden ans Telefon bekommen. Es war, so erinnere ich mich noch, schon über eine Stunde vergangen und ich konnte immer noch keinen in der Praxis erreichen. Langsam wurde mir das zu blöd und ich fragte meinen Hausarzt, ob er mir die Diagnose eröffnen könnte. Als ich das OK für 16 Uhr bekam, rief ich im Diagnostikum an und bat sie, den Befund an meinen Hausarzt zu schicken. Dabei sagten sie mir auch, dass der Befund bereits seit heute Morgen bei meiner Frauenärztin liegt. Meine Güte. So eine unfähige Praxis, meine Frauenarztpraxis. Es ging hier doch nicht um irgendetwas, sondern darum, ob jemand einen bösartigen Tumor hat oder nicht. Sei es drum.

 

Ich machte mich also auf den Weg zum Hausarzt, eine liebe Freundin begleitete mich. Ich hatte Angst. Und dann saßen wir da und er schaute mich mit diesem Blick an, den ich nie wieder vergessen werde. „Es tut mir so leid, aber Ihre Frauenärztin hatte leider recht. Es ist ein bösartiger Tumor. Es ist Brustkrebs.“ Und noch heute kommen mir die Tränen. Ja ich trauere, noch heute. Oft um das kleine Mädchen in mir, die kleine Verena, die durch diesen ganzen Mist durch musste. Und doch noch so klein war. Ich hab unendlich viel Mitgefühl für mich selbst. Und so traurig es schien, so dankbar bin ich für genau dieses Gefühl. Denn das hatte ich Jahre lang nicht gehabt. Mitgefühl für mich selbst. Aber es ist doch so sehr wichtig. Das, war mein Hausarzt mir sagte, war ein Schlag ins Gesicht. Ich weiß noch, dass ich sofort das Weinen anfing, meine Freundin meine Hand nahm und wir beide weinten. Selbst mein Hausarzt war sichtlich bewegt und betroffen. Scheiße, dachte ich, ich bin dafür doch einfach zu jung. Er erzählte mir aber sofort alles mögliche, wie es ablaufen könnte. Was es heißen könnte. Dass ich mir nun ein gutes Brustzentrum suchen muss und dass die sich um alles kümmern und an meiner Seite sind. Und er erklärte mir auch, was eine Art Tumor ich habe.

 

Natürlich war es kein Brustkrebs, wie die meisten anderen ihn haben. Ich hatte einen sehr seltenen, höchst aggressiven & schnell wachsenden Tumor. Nur 9% der betroffenen Frauen haben ihn. Und es ist eine Art Tumor, bei dem der Primärtumor (der Haupttumor) überall hätte sein können und das in meiner Brust wäre „nur“ eine Metastase gewesen. Deshalb und grundsätzlich müssen nun alle möglichen Untersuchungen gemacht werden, um auszuschließen, dass ich keine Metastasen oder einen anderen Tumor im Körper habe.

 

Das machte mir eine unendliche Angst, mehr als ich sie doch eh schon hatte. Mein Hausarzt war ein Herz, er nahm sich eine ganze Stunde Zeit für mich, meine Fragen und meine Tränen. Er hielt mich und am Ende durfte ich ihn feste drücken. Auch er hatte 4 Töchter, erzählte er mir… Vor einigen Wochen hab ich ihn besucht um ihm DANKE zu sagen. Denn den Halt, den er mir gab, ist unbezahlbar & mehr als Gold wert. Ich bin ihm dafür zutiefst dankbar. Er freute sich riesig, dass ich gekommen war und erinnerte sich noch gut an den Tag. Er war froh, dass sich alles zum Guten entwickelt hat. Ein toller Arzt & Mensch.

 

Als meine Freundin und ich die Türe raus waren, bin ich erst einmal in ihrem Armen zusammengebrochen. Ich hatte mein Weinen gar nicht mehr unter Kontrolle, es kam einfach alles aus mir herausgeplatzt. Sie tat mir so leid in dem Moment, dass sie das auch mit mir aushalten musste. Ich glaube nämlich, dass es für den Menschen, der einen begleitet, auch nicht so leicht ist. Das alles so nahe mitzuerleben. Auch dafür und so viel mehr bin ich ihr dankbar. Auch sie, wie so viele mehr, ist ein Goldstück. Mein Hausarzt empfahl mir dennoch, nochmal zu meiner Frauenärztin zu gehen. Sie hätte vielleicht noch mehr zu sagen und kann mir sagen, wie es nun weiter geht, wen ich ansprechen kann und so weiter.

 

Also machten wir uns auf den Weg und liefen hin. Bei meiner Frauenärztin angekommen saßen wir im Behandlungszimmer und zu unserer aller Überraschung sagte sie nicht viel. Achselzuckend bestätigte sie sich selbst und ihre Diagnose, die sie zuvor stellte. Auf meine Frage hin, was das nun bedeuten würde, erwiderte sie nur, „dass ich mir ein Brustzentrum suchen müsste, die kümmern sich dann um alles. Sie ist da raus.“ Natürlich ist sie das. Was hab ich auch erwartet. Ich konnte es nicht glauben, obwohl ich doch schon eine Woche vorher Zeuge von ihrer Unart geworden bin. Sie gab mir zwei drei Brustzentren an die Hand, schrieb mich 2 Tage krank und das war’s. Danke für nichts. Wobei, sie hat mir das Brustzentrum, in dem ich dann schließlich war, empfohlen. Und dafür bin ich ihr dankbar. Für sonst nichts.

 

Fast drei Stunden später zuhause angekommen, rief ich erst einmal meinen Papa an. Danach kamen zum Glück zwei andere liebe Freundinnen und blieben eine Weile bei mir. Ich wollte & konnte auch nicht alleine sein. Ich war überfordert. Auch damit, den Menschen Bescheid zu geben, die wussten, dass ich die Befunderöffnung hatte. Das waren gar nicht viele. Meine Familie und die engsten Freundinnen - sie hatten schon vergeblich versucht, mich zu erreichen. Als ich wieder alleine war, rief ich meine Cousine an. Wir haben so viel zusammen gelacht - das hatte ich gar nicht erwartet. Grundsätzlich schon, denn mit meiner Cousine lache ich ständig und immer - das liebe ich so an ihr. Ich erzählte einer anderen lieben Freundin am Telefon davon und dass man so einer Situation doch irgendwie auch mit Humor begegnen könne. Es ist so absurd, dass es irgendwie witzig ist, auch wenn es das natürlich nicht ist. Vielleicht ist das Lachen auch eine Art Angstlachen gewesen. So wie manche Menschen anfangen zu lachen, wenn zum Beispiel das Flugzeug unerwartet durchstartet. Lustig ist das nicht, aber dennoch lache ich und halte mich krampfhaft an der Armstütze fest. Alles schon passiert.

 

Dennoch fragte ich mich natürlich, was nun auf mich zukommen würde. Ob ich Metastasen habe oder schlimmer, einen anderen Tumor, ob ich um eine Chemotherapie herumkommen kann, ob ich meine Haare behalten könne. Dass ich unbedingt meine Haare behalten möchte, wiederholte ich sogar. Da wusste ich aber noch nicht, wie scharf ich mit Glatze aussehen würde - ich habe sie sehr geliebt. Sie war samtweich. Das war auch meine Brust, denn die tat ganz schön weh noch von der Biopsie. Mir ging immer wieder durch den Kopf, was das eigentlich für schlimme Wörter waren. „Brustkrebs“, „bösartiger Tumor“. Das verbindet man doch sofort mit kotzend über der Toilette, abgemagert, blass und nur im Bett liegend.

 

Aber ich wollte positiv denken. Also hab ich meinem Tumor einen Namen gegeben. Egon. Ich fand Egon prima. Egon war der Inbegriff meiner ganzen Untaten mir selbst gegenüber. Schlechte Gedanken, kein an mich glauben, mich gehen lassen, all die Untaten der Männer, die sich wie Äxte im Wald aufgeführt hatten. Mich hängen gelassen und ent-täuscht hatten. Mir ist klar, dass ich auch daran beteiligt war, dennoch, Arschloch bleibt Arschloch. Meine schlimmen Erfahrungen mit meiner Oma, die sich auch nur zu oft wie die Axt im Walde aufgeführt hat. Dabei wünschte ich mir immer eine Oma, die liebevoll und herzig ist. Es war mir leider sehr oft nicht gegönnt, so wie ich mir das erhofft hatte. In meiner Verhaltenstherapie, die ich seit 2018 machte, hatte ich all diese Erlebnisse aufgearbeitet und auch, wie der Name ja sagt, mein Verhalten. Ich muss es ja irgendwie anziehen und zulassen, diese Menschen, die über meine Grenzen gehen und sich verhalten, als seien sie Götter. Und Egon, er war einfach das alles. Ich hatte das Gefühl, dass sich all der ganze Mist in meiner linken Brust, auf der Herzseite, zu einem dicken fetten Klumpen entwickelt hat. Jede Zelle meines Körpers hat diese Erfahrungen geheilt und in die Brust geschickt. Und das aus nur einem Grund. Damit es ein für alle mal gehen kann. Ich wollte loslassen und abschließen. Und das vergangene Jahr hat mich wunderbar darauf vorbereitet.

 

Ich sagte Egon den Kampf an. Ich liebte ihn zwar, denn er war ein Teil von mir. Er bestand aus meinen Zellen, meinem Fleisch und Blut. Es war ja kein Fremdkörper, der in mir drin war. Er erstand durch mich. Aber er durfte gehen, ganz liebevoll wollte ich ihn gehenlassen, meinen Egon. Und mit ihm mein altes Leben. Die Ruhe der letzten Wochen und Monate hat mich genau die Kraft tanken lassen, die ich jetzt brauchen würde.

 

Ich dachte positiv und liebte mich, meinen Körper und mein Leben. Also würde ich raus gehen und leben. Es war ein schrecklicher und zugleich wunderschöner Tag.


24./25. November 2019

Heute vor einem Jahr war es Montag. Ich hatte die vergangenen fünf Tage des langen Wartens auf den Termin beim Radiologen mehr oder minder geduldig hinter mich gebracht. Ich traf mich mit einer Freundin, die mich zu dem Termin begleitete. Es war ein Segen, denn meine Nervosität war kaum noch auszuhalten. Sie lenkte mich ab, wir erzählten und sie hielt meine Hand. Sie beruhigte mich mit sanften Worten und mit unendlicher Hoffnung, egal, was gleich passieren würde. Ich betete zigtausend Stoßgebete gen Himmel. An meine Mama. Ich bat sie inständig darum, dass ich gesund bin und dass der Knubbel harmlos ist. Immer und immer wieder.

 

Wir gingen also hinein und warteten, bis ich aufgerufen wurde. Es war eine unendlich lange Zeit, so kam es mir zumindest vor. Wieder warten und geduldig sein müssen. Es ist kaum auszuhalten, wenn man weiß, es geht ums eigene Leben. Um die eigene Gesundheit. Und dann, endlich, kam ich dran. Meine Freundin durfte mit rein. Ein hübscher jüngerer Arzt, unglaublich herzig, machte bei mir zuerst einen Ultraschall und stellte mir Fragen. Ob ich in letzter Zeit krank war, ob ich Fieber hatte, ob ich mich gestoßen habe, einen Schlag abbekommen hätte und so weiter und so fort. Er fragte immer kritischer und auf jede seiner Fragen antwortete ich mit Nein. Mit jeder Frage nahm sein besorgter Gesichtsausdruck zu, auch wenn er sich wirklich sehr bemüht hat, neutral drein zu blicken. Irgendwie hatte ich im Gefühl, dass er schon so eine böse Ahnung hatte. 

 

Nach dem Ultraschall setzte ich mich auf, weil er mir erzählen wollte, was jetzt ausgeschlossen werden kann und wie es weiter geht. Ich saß also auf der Liege und schaute ihn erwartungsvoll an. Ich merkte dabei gar nicht, dass ich natürlich immer noch oben ohne da saß. Ihm war es deutlich etwas unangenehm und sagte mir, ich könne mich auch vorher ruhig erst anziehen. Äh, ja, natürlich, wie unangenehm. Schmunzeln musste ich trotzdem. Das war ein völlig zerstreuter Verena-Moment.

 

Da ich die Fragen alle verneinte, musste ich noch eine Mammographie machen. Eine andere Ärztin kam hinzu und sah sich die Ultraschallbilder an. Auch sie schien in Sorge zu sein und setzte alles daran, dass ich nicht noch einmal kommen muss und schob mich zwischenrein. Also ging es schwuppdiwupp rüber ins Zimmer nebenan und ich bekam meine erste Mammographie. Es war zum Glück absolut nicht schmerzhaft, so wie mir schon einige Frauen berichtet hatten. Dennoch war mir nicht klar, wie sehr man eine Brust quetschen kann. Die Schwester drehte am Knopf und schaute mich an, fragte, ob es noch ginge, drehte weiter und fester und ich hatte immer noch keinerlei Schmerzen. Ich glaube, sie war etwas verwirrt. Ich auch. Vielleicht hatte ich auch etliche Angsthormone oder wer weiß was in mir, dass es mir nichts ausmachte.

 

Ok. Die Mammographie war also geschafft. Die Blicke auf die Bilder sagten nichts gutes. In meiner Brust war eine Zyste. An dieser Zyste hing aber noch etwas dran. Es war sicher ein Tumor. Aber was für einer, dass musste durch eine Gewebeentnahme geprüft werden. Er könnte entweder gut- oder eben bösartig sein. Dass ich ihn Egon nennen würde, wusste ich an diesem Tag noch nicht :). Also bekam ich noch eine Stanzbiopsie. Die Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich Spritzen verabscheue. Mir kommen sofort die Tränen, sobald ein Arzt die Spritze auspackt. Ich fühle mich dann wie ein kleines fünfjähriges Mädchen, weine und wäre am liebsten im Arm meiner Mama. Aber meine Freundin war bei mir. Zumindest im selben Raum. Die liebe Schwester sprach mit mir, lenkte mich ab und hielt meine Hand. Ich liebe Ärzte, die so ein großes Herz haben und mit so viel Liebe und Empathie Patienten behandeln. Die sich in sie hineinfühlen können.

 

Achtung Triggerwarnung! Es wurden also fünf wirklich lange Nadeln in meine Brust geschossen und Gewebeproben entnommen. Das geschah mit Hochgeschwindigkeit, wie beim Ohrlochschießen. So knallte es auch jedes mal. Sehr laut. Ich durfte nicht zucken, mich nicht bewegen, musste stillhalten. Vorher bekam ich eine Betäubungsspritze, sodass es nicht zu sehr weh tat. Und ich weinte einfach nur noch. Die Tränen liefen mir übers Gesicht und ich fühlte mich völlig im falschen Film. Passiert das wirklich mir? Ich wünschte mir so sehr meine Mama herbei. Sie würde mir sagen, dass alles wieder gut werden wird und die mich einfach nur ganz fest im Arm halten würde. Mir war klar, dass dieser ganze Aufwand nichts gutes bedeutet. Dass es ernster ist, als ich zu vermuten gewagt hatte. Scheiße. Einfach nur Scheiße.

 

Die Erleichterung, als es überstanden war, war riesig. Und die Anspannung noch sehr viel größer. Jetzt hieß es wieder warten - auf das Ergebnis am Mittwoch. Dann hab ich endlich ganz gewisse Klarheit. Aber erst einmal gab es eine heiße Schokolade mit meiner Freundin. Den Schock verdauen. Ich musste das erst einmal verarbeiten - es war ganz schön viel alles. Und mir war klar, dass da noch jede Menge Tränen folgen würden. Ich hoffte sehr, dass mich am Mittwoch wieder jemand begleiten kann. Denn bei der finalen Diagnose wollte ich definitiv nicht alleine sein. Ich tat mir in diesen Tagen schon so schwer, alleine zu sein. Geschweige denn einzuschlafen. Ich hatte Angst davor und erst spät nachts vor lauter Erschöpfung schlummerte ich endlich.

 

Am Nachmittag lag ich im Bett und merkte, dass ich das alles irgendwie noch heraus weinen muss. Mir steckte das alles im Hals fest. Ich hatte natürlich gehofft, dass die Ärzte mir heute schon eine finale Diagnose sagen können und eben auch, dass es nichts schlimmes ist. Dadurch, dass es nicht so war, machte ich mir selbstverständlich weiter Gedanken. Ich versuchte, das nicht so dramatisch zu sehen. Wobei es mich doch sehr beunruhigte. Ich war zwar dankbar, dass sie so schnell reagiert haben., aber gerade das beunruhigte mich noch mehr. Die Chancen sind 50/50. Ich hatte Angst aber wusste auch, dass Angst mich nicht weiterbringen wird. Ich freute mich darauf, dass mein Papa bald zu Besuch da sein würde. Und ich weinte. „Es ist einfach krass beängstigend.“

 

Am Tag davor schrieb ich einer anderen Freundin diese Zeilen:

 

„Am Ende darf man sich doch über jeden Tag freuen, an dem man atmet, gesund ist und lebt. Alles andere ist ein Bonus. Und solange man abends ins Bett geht und sich denkt, dass es ein schöner Tag war, ist alles richtig. Das wurde mir heute so richtig bewusst. Ich möchte nicht irgendwann aufwachen und keine Zeit mehr haben, mein Leben zu leben. Ich möchte dankbar sein, es genießen und strahlen. Es nehmen, wie es kommt. Mich lebendig fühlen. Und ich glaube, wenn man loslässt, kommt alles von ganz alleine. Dann fügt sich alles zu Deinem Besten, egal, was passiert. Die letzten Monate habe ich überwiegend nur vor mich hin gelebt. Ich war eher einfach nur da, als dass ich wirklich gelebt habe. Und heute denke ich mir, was passiert, wenn da wirklich eine schlechte Nachricht kommt. Dann soll es das gewesen sein? Nein! Ich will lebendig sein und endlich wieder leben. Ich glaube, mir fehlt auch genau das. Mein Lachen, mein Lebendigsein, mein Strahlen. Ich will mir nicht mehr über alles Gedanken machen und endlich anfangen, Verantwortung zu übernehmen. Für mich. Und nächstes Jahr gibt es einen Hund. Ich möchte niemals zurück schauen und bereuen, nicht oder wenig gelebt zu haben. Wir haben nur dieses eine Leben und morgen kann schon alles anders sein.“

 

Und so war es. 


22./23. November 2019

Ich fange mit dem heutigen Tag an. Heute Abend hatte ich einen kurzen Termin bei meiner Frauenärztin. Denn ich wollte ihr ja sehr gerne ein persönliches Feedback geben, wie das letztes Jahr gelaufen ist und sich für mich angefühlt hat. Dass es mich noch heute wütend macht, wie sie mich abgespeist hat. Ich war letztes Jahr wütend und heute bin ich noch mehr wütend. Ich bin danach in einem Rutsch die 90 Stufen in unseren 4. Stock Altbau gelaufen. Ohne Pause. Und so schnell wie nie. In mir war wohl jede Menge Adrenalin. Denn das konnte ich seit letztem Jahr nicht mehr. Zuletzt vor der Diagnose. Aber von Anfang an….

 

Ich sagte ihr, dass ich nicht letztes Jahr richtig vor den Kopf gestoßen und alleine gelassen gefühlt habe. Dass sie zwar richtig lag mit ihrer Diagnose, aber mich einfach gehen lies, nach ihrer „Fühl-Diagnose“ Mammakarzinom. Dass das nicht ok war. Sie fing an in ihrem PC zu suchen, nach Terminen, wann ich bei ihr war und was sie sich notiert hat. Sie behauptete glatt, sie hat mir gar keine Diagnose gegeben. Sie hat mir „gutartiger Tumor“ mitgebenden, aber niemals Mammakarzinom. Das sei gar nicht ihre Art. Das stimmte nicht. Natürlich. Weil ich mir das alles nur ausgedacht habe. Mache ich den ganzen Tag lang. Mir Dinge ausdenken, dann Termine vereinbaren, hin gehen und meine Zeit damit verbringen, Ärzten ausgedachtes Feedback zu geben. Sie speiste mich mit der selben Dreistigkeit und Arroganz ab, wie letztes Jahr. Mir fehlen wirklich die Worte. Auf meine Aussage, dass ich aufgrund dieser Tatsache von letztem Jahr wechsle, zuckte sie, mal wieder, nur mit den Schultern und meinte schließlich, sie hat besseres zu tun, als da nachzuhaken. Ich möchte kotzen. Im Strahl. Direkt vor ihre Füße. Ich habe mir daher sehr gerne die Mühe gemacht und genau das in alle Bewertungsportale geschrieben. Hat Spaß gemacht.

 

Heute und gestern vor einem Jahr, war ich zwar auch sauer auf meine Frauenärztin, aber hab das Wochenende ruhig angehen lassen. Ich habe lange geschlafen, lag ewig im Bett, habe Disneyfilme geschaut und auch die Sonne verpasst. Es war sicherlich ein so schöner Spätherbsttag wie er es heute in Berlin war. Ich höre mir ja nun jeden zweiten Tag die alten Sprachnachrichten ab. Ein Segen, denn ich habe über die Zeit kein Tagebuch geführt. Einer Freundin erzählte ich, dass es mir soweit gut geht. Das aber auch irgendwie nur meine Hülle sagt. Mein Inneres ist unruhig. Ich wollte gerne lesen und hatte mehrere Bücher aufgeschlagen und die ersten Zeilen gelesen. Konzentrieren konnte ich mich jedoch nicht. Kein einziges Buch hat mich angesprochen, in keines konnte ich mich hineinfinden. Und ich habe wirklich viele Bücher. Einiges über die Liebe, das Leben, über Spiritualität, Selbstfindung, Frauenmacht, Magie, Hexen. Alles war nichts. 

 

Ich merkte, wie ich mich distanziere und mich abkapsel. Ich hatte das Gefühl, eine Last zu sein. Nicht nur mit meiner Stimmung, sondern auch mit der Diagnose. Ich war so unsicher. Denn je mehr Herzensmenschen ich davon erzählen würde, desto mehr Herzensmenschen würden sich schließlich auch Gedanken oder gar Sorgen machen. Aber das wollte ich absolut nicht. Also dachte ich, erzähle ich am besten einfach gar nichts. Denn am Ende, so dachte ich, muss ich da ja auch alleine durch. Keiner kann mir dauernd Händchen halten. Irgendwie wusste ich überhaupt nichts mehr. Weder, wie es mir wirklich geht. Noch, wer ich wirklich bin und wo ich stehe. Mit meinem jetzigen Ich lesend klingt das wirklich deprimierend. Mir ging es einfach nicht gut. Aber dann meinte ich wieder, jeder hat eben sein Päckchen zu tragen. Dieses ist eben meines. Ich verpacke es einfach hübsch und streue Glitzer drauf. Viel Glitzer. 

 

Sähe ich mich als Pflanze, so würde ich in einem klitzekleinen Blumentopf feststecken. Die Erde ist verbraucht, ich bekomme kein Wasser, kein Licht, keine Nährstoffe. Ich ziehe mir meine Kraft aus dem letzten Fitzelchen, was da noch ist. Wasser, Licht und Nährstoffe bräuchte ich aber so so dringend. Und einen neuen Übertopf. Einen, in den ich hineinwachsen und mich entfalten kann. 

 

Ich war ratlos, hätte Löcher in die Luft starren können und wusste nicht, was ich denken soll. Ich lies frische Luft in meine Wohnung, zündete mir Kerzen an und machte ein Räucherstäbchen für mich an - auf meine Gesundheit. Morgen kommt ein neuer Tag.


20./21. November 2019

Meinen Frauenarzttermin hatte ich also am 20. November 2019. Denn nach ausdrücklichem Wunsch, Bitten und Dranbleiben durfte ich etwas eher kommen, um meinen Knoten in der Brust untersuchen zu lassen. Herzlichen Dank auch. Es macht mich heute, ein Jahr später, immer noch genau so wütend und rasend, wenn ich an diesen Tag zurück denke. Daher wechsle ich auch meine Frauenärztin. Denn, ich war im Behandlungszimmer, voll im Kopf mit zich Gedanken und auch der großen Sorge, es könnte tatsächlich etwas Ernstes sein. Sie tastete meine Brust und den Knoten ab und meinte schließlich unbeeindruckt „Das ist ein Mammakarzinom“. Ich war etwas verdutzt und fragte zurück: Was ist denn ein Mammakarzinom überhaupt?“ Entschuldigung, ich hab leider keine Medizin studiert und man befasst sich privat äußerst wenig mit Krankheiten und deren Bezeichnungen. Sie sagte zu mir, einfach frei heraus und ohne mit der Wimper zu zucken: „Das ist ein bösartiger Tumor.“ Ich war sowas von vor den Kopf gestoßen und wusste überhaupt nicht, was ich sagen sollte, außer „Äh ok, und was bedeutet das jetzt?“ Meinen genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr, aber ihren dagegen schon. „Dazu sage ich nichts, ich halte mich da raus. Das besprechen Sie alles mit Ihrem Brustzentrum. Das müssen Sie sich noch suchen. Vorher muss eine Mammographie beim Radiologen gemacht werden.“

 

Sie gab mir zwei, drei Namen an die Hand und verabschiedete sich. Das war’s. Ich ging doch sehr verstört raus und fing erstmal bitterlich an zu weinen. Denn mir war völlig unklar, was das Ganze denn jetzt zu bedeutet hatte. Mit dem Bekommen einer solchen Nachricht hat man ja schließlich keine Übung. Bedeutet es jetzt, dass ich sterbe und todkrank bin?

 

Im Nachhinein ist dieses Stellen der Diagnose eine unzumutbare Frechheit und sowas von unverschämt. Natürlich hatte sie recht, fachlich kann ich nichts sagen. Aber menschlich ist diese Art und Weise sehr fragwürdig. Da hatte sie mich einfach abgewimmelt und mich weggeschickt.  Kalt wie ein Eisklotz. Empathie Fehlanzeige. Ich muss wirklich nicht verhätschelt und vertäschelt werden, aber sich bei so einer Diagnose Zeit für mich und meine Fragen zu nehmen, als meine Frauenärztin, ist doch wohl das Mindeste. Schließlich habe ich keinen Vaginalpilz, für den ich mir eine Salbe in der Apotheke holen soll. Mir ist schon klar, dass sie ohne Ultraschall, Mammographie oder Stanzbiopsie keine genauen Erläuterungen treffen kann. Aber dass es ein bösartiger Tumor ist, dass platzte so leicht aus ihr heraus. Das geht wohl. Unmöglich, noch heute. Ich fühlte mich total überfordert und alleine gelassen.

 

Als ich weinend auf der Straße stand, rief ich eine Herzensfreundin meiner Eltern an. Auch ich fühle mich mit ihr sehr verbunden - sie gehört zur Familie, schon seitdem ich ein kleines Mädchen war. Damals war ich Blumenmädchen auf ihrer Hochzeit. Daran erinnere ich mich noch heute so sehr gut. An mein Blumenkleidchen, die wunderschöne Braut und die bunten Blüten, die ich streuen durfte. Sie hatte leider vor einigen Jahren auch Brustkrebs und sie war mein erster Gedanke. Auch das rührt mich heute sehr. Wir haben in der Zeit ganz oft telefoniert und uns ausgetauscht. Sie hat mir so viel Mut & Kraft gegeben. Mir so viel Angst genommen und Liebe geschenkt. Es tat gut, jemanden zu haben, der ähnliches durchgemacht hat und genau weiß, wie man sich fühlt und was vor einem liegt. Sie tröstete mich und hielt mich fest. Sie beruhigte mich und hat mir ganz viele Fragezeichen in meinem Kopf genommen. Heute denke ich mir, dass das ein ganz schöner Schock gewesen sein muss, mich weinend am Telefon mit so einer Nachricht zu haben. Ohne Vorwarnung. Aber wann warnt das Leben einen schon mal vor.

 

In einer Sprachnachricht mit einer Freundin sagte ich zu ihr, dass ich irgendwie keine Ahnung, was dieses Jahr und diese Zeit gerade sagen möchte. Aber dass ich glaube, dass ich so feine Antennen habe, dass ich manchmal gar nicht weiß, was genau los ist und das erst im Nachhinein erfahre. So als ob mein Körper und meine Seele die Dinge schon ganz genau wissen, nur mein Verstand noch nicht. Ich bin, während ich das hier schreibe und meine Sprachnachrichten von vor einem Jahr höre, wirklich überrascht. Ich hatte hier erst in meinen Text geschrieben, wie viel Angst ich hatte. Das mag schon auch wahr gewesen sein. Klar hatte ich Angst. Aber ich klang so positiv, stark und mir selbst bewusst. Ich staune gerade selbst, wie ruhig und vertrauend meine Stimme klang. Und ich weiß, dass ich meinen Herzensfreundinnen gegenüber ehrlich und aufrichtig bin. Mir selbst - meistens jedenfalls - auch. Ich setze keine gute Miene auf oder tue so als ob. Das ist nicht meine Art. Ich bin echt. Und das war echt. Ich habe davon erzählt, dass ich froh und dankbar war, dass ich in Berlin wohne und jede Menge guter Ärzte um mich herum habe. Ich habe gelacht darüber, dass ich endlich mal um 7 Uhr morgens hellwach bin. Wer mich kennt, der weiß, dass ich kein Morgenmensch bin und es hasse, so früh aufzustehen. Mein Freund sagt immer, dass es für alle Beteiligten noch schlimmer ist, als für mich. Ich jammere am laufenden Band, bis ich es endlich geschafft habe und mein warmes Kuschelbett verlassen habe. Das kann sich schon mal hinziehen. Ich sagte meiner Freundin, dass man wohl besser keine großen Pläne machen sollte, denn das Universum hat oft einen ganz anderen Plan für Dich und schmunzelt nur „ja ja, plan Du nur…“ Man solle doch einfach leben und sich überraschen lassen, was um die nächste Ecke auf einen wartet, um es freudig in Empfang zu nehmen.

 

Ich glaube, ich konnte das alles gar nicht greifen - noch nicht. Ich kam mir vor wie in einem fremden Film, in dem aber ich die Hauptrolle spielen soll. Das Ausmaß war mir überhaupt nicht klar und auch nicht, dass sich mein ganzes Leben ändern sollte. Das nennt man wohl eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. „Lebe einfach und lasse Dich überraschen, was um die nächste Ecke kommt, um es freudig in Empfang zu nehmen.“ Aber was sollte ich meinem Papa sagen? Davor hatte ich irgendwie an diesem Tag die meiste Angst. Schließlich haben wir vor 8 Jahren meine Mama verloren. An Krankheiten, für die sie noch zu jung war. Und jetzt komme ich ums Eck und habe Brustkrebs. Zu meiner Überraschung war er sehr gefasst und zuversichtlich. „Wir schaffen das schon, Tochter (mein liebevoller Kosename).“

 

Damals war ich noch verliebt. In einen Mann, der bereits mehrere Male gegangen ist und wiederkam. Und doch schenkte ich ihm mein Herz. Heute fraglich für mich, warum eigentlich. Unsere „Beziehung“, welche aber keine war, erstreckte sich damals über knapp 2,5 Jahre. Er ging immer wieder aus diversen Gründen. In meiner Männerlaufbahn habe ich schon die kreativsten Abservierungen gehört, dass ich ein Best-Of darüber schreiben müsste. Sehr amüsant. Er will doch keine feste Beziehung war Tschüssn. Nr. 1. Meine Mutter war krank und er hat Angst, dass ich auch krank werde und kann das nicht war Tschüssn Nr. 2. Tschüssn Nr. 3 war, dass er doch keine Kinder will, ich aber schon. Diesem Mann hatte ich von meiner Diagnose geschrieben. Und, Überraschung, erst einige Tage später bekam ich eine Antwort. Genau weiß ich nicht mehr, was er geschrieben hat, es reihte sich aber sehr gut in Tschüssn 1-3 ein. Ein paar Tage später sollten wir uns treffen - die Fortsetzung kommt dann, wenn es soweit ist.

 

Am Abend war ich alleine und doch ganz schön durch den Wind. In einer anderen Sprachnachricht an eine Freundin erzählte ich ihr, ob ich selbst nicht Schuld sei, dass da ein Tumor in mir wächst. Schließlich habe ich sehr lange mich selbst nicht gut behandelt. Ich habe schlecht über mich gedacht, mich klein gemacht oder machen lassen. Ich hatte Zweifel und fühlte mich oft einsam und alleine. Natürlich hatte ich wunderbare Freunde, aber dieses Gefühl hatte nur etwas mit mir selbst zu tun. Ich lebte irgendwie gegen mich selbst, gegen meine Wahrheit. Ich war überhaupt nicht glücklich. Lachte nicht mehr unbeschwert und fühlte mich, als wäre um mich herum ein großer, schwerer grauer Schleier. Natürlich fühlt sich da ein böser Tumor sehr wohl und breitet sich aus. Schlechtes zieht schlechtes an. Und jetzt war ich an dem Punkt, an dem ich mich dem ganzen stellen musste. Weglaufen war nicht mehr. Es musste sich etwas ändern. Mein Inneres musste sich ändern. Meine Gedanken. Meine Wahrnehmung. Und ich fing an zu weinen, weil Ängste und blöde Gedanken einen so oft daran hindern, glücklich und unbeschwert zu sein. Daran hindern, zu leben und lebendig zu sein.

 

Am nächsten Morgen, am 21. November 2019, saß ich seit Punkt 8 Uhr am Telefon und klapperte alle möglichen Ärzte ab. Auch hier braucht man Geduld. Es klingelt durch, es ist besetzt, es geht ein Anrufbeantworter ran. Man bekommt zich Nummern und jeder sagt, man sei hier falsch. Ein bißchen wie die Reise nach Jerusalem. Beim drölfzigsten Versuch habe ich es geschafft, einen Stuhl zu bekommen. Ich hatte erst einen Termin für die Mammographie am 3.12. bekommen. Das dauerte mir allerdings zu lange und ich versuchte weiter mein Glück. Bis ich dann einen Termin am Montagmorgen 25.11. bekam. Den nehm ich! Also hieß es jetzt abwarten und mich bis Montag gedulden. Dann weiß ich endlich mehr. Dennoch sind fünf Tage der Dinge harren ganz schön lange.


18./19. November 2019

 

Etliche Male lese ich meine bisher geschriebenen Zeilen, ändere sie ab, lösche und versuche die richtigen Worte zu finden. Dieser Text ist nicht irgendein Text. Er ist enorm wichtig für mich. Denn er formt meine Geschichte. Nicht irgendeine Geschichte, sondern eine solche, in der ich durch Krankheit gesund wurde. Frei, unverblümt und aus vollem Herzen möchte ich Dich in den nächsten Wochen & Monaten teilhaben lassen. Ich möchte Dir erzählen, was Mut bedeuten kann und auch, welche Türen sich für Dich durch Deinen Mut öffnen können. Durch meine Geschichte möchte ich Dir Kraft & Halt schenken und die Gewissheit, dass jede Hiobsbotschaft auch wunderschöne Dinge zum Vorschein bringt.

 

Schon längere Zeit drücke ich mich davor, das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen. Denn mir ist bewusst, dass ich noch mitten in der Verarbeitung von den Geschehnissen stecke. Aber letztlich schenkt es auch mir Halt & Kraft, meine Geschichte aufzuschreiben. Zur Verarbeitung und auch als liebevolle Erinnerung. Auf der anderen Seite denke ich mir, dass es für all die anderen Frauen auch so sehr hilfreich sein kann, meine Zeilen zu lesen. Meiner Geschichte zu lauschen. Denn am Ende gibt es bei jedem Schicksal, welches einem widerfährt, immer zwei Seiten. Es liegt nur an Dir selbst, welcher Seite Du lieber lauschst und beim Erzählen zuhörst.

 

Anfang November letzten Jahres bemerkte ich beim Duschen einen Knoten in meiner linken Brust. Und während ich das schreibe, kullern schon die ersten Tränen (Ich wusste, dass es so sein würde!). Aber es sind Tränen der Heilung und der Dankbarkeit. Den Knoten spürte ich nur deshalb und zu meinem großen Glück, da meine feste Seife leer war und ich wieder auf normales Duschgel umgestiegen bin. Mit der Stückseife hatte ich keinen direkten Kontakt zu meiner Haut, mit dem Duschgel jedoch schon.

 

Daher ein kleiner, jedoch ganz wichtiger Tipp für Dich: Nutze gerne Stückseife, aber schäume Dich nie direkt damit ein, sondern immer mit Deinen Händen. So kannst Du Veränderungen im Gewebe spüren!

 

Ich erinnere mich noch ganz genau, wie sich der Knoten angefühlt hat. Sehr fest, knubbelig, relativ nahe an der Oberfläche, relativ groß und man konnte ihn ganz klar abgrenzen, wenn man ihn hin und her bewegt hat. Anfänglich dachte ich mir nichts dabei, denn ich stand kurz vor meiner Periode und glaubte, dass die Brust deswegen geschwollen sei. Komisch war es schon, denn so etwas hatte ich zuvor noch nie fühlen können und bemerkt. Ich wartete ab. Die Tage waren da, gingen wieder weg aber der Knoten blieb. Das beunruhigte mich schon wesentlich mehr. Ich berichtete meiner Frauenärztin meine Sorgen am Telefon und versuchte, einen zeitnahen Termin zu bekommen. Schließlich macht man sich ja so seine Gedanken. Leider Fehlanzeige. Erst eine Woche später sollte ich einen Termin bekommen. So lange wollte ich nicht warten, denn ich hatte im Gefühl, dass meine Sorgen berechtigt waren. Also rief ich meinen Hausarzt an, zu dem ich gleich am nächsten Tag kommen konnte.

 

Meine nächste Herzensempfehlung für Dich: Sobald Du Veränderungen spürst oder ein Gefühl hast, dass etwas nicht stimmt, bleibe hartnäckig und verlange nach einem raschen Termin. Alle Vorsorgeuntersuchungen beim Frauenarzt können verschoben werden, sodass sie Dich dazwischen nehmen können. Falls das aus Gründen nicht geht, gehe zu einem anderen Arzt Deines Vertrauens. Gebe Dich nicht mit dem erstbesten Termin zufrieden und schiebe es nicht auf die lange Bank. Selbst dann nicht, wenn Du Angst vor dem Ergebnis hast. Vertraue ganz auf Dich & Dein Gefühl.

 

Mein Hausarzt sagte mir nach dem Fühlen, dass meine Frauenärztin das nochmals mit Ultraschall untersuchen muss. Mit der Schilddrüse ist alles ok, der Knubbel sei auch kein Lymphknoten, sondern definitiv verhärtetes Gewebe. Er möchte mir nicht gleich Angst bzgl. Brustkrebs machen, aber es muss weiter abgeklärt werden. Nach einem kleinen Aufstand am Telefon bei der Praxisfee meiner Frauenärztin bekam ich dann doch noch einen Termin für den nächsten Tag. Na geht doch!

 

Fix und fertig von so vielen Gedanken und "Was Ist Wenn’s" lenkte ich mich mit einer Serie und Tee im Bett ab, schickte mit Freundinnen Sprachnachrichten, telefonierte mit meiner liebsten Cousine und geduldete mich. In einer Nachricht sagte ich, dass ich irgendwie das Gefühl habe, dass das Jahresende eine Art Showdown wird und ich es nochmal so richtig krachen lasse. Und einer meiner vielen Gedanken an diesem Abend war „ich hoffe, es ist harmlos, was da in meiner Brust wuchert - es ist ganz schön groß zu fühlen…“



Schreibe mir eine Nachricht!

Hinweis: Bitte die mit * gekennzeichneten Felder ausfüllen.


 

made with L O V E in Berlin